Der Papstbesuch, die Gnadenbildverehrung und die sozialistische Vergangenheit, Teil 2

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Rosenkreuz aus Hildesheim

Bericht einer evangelischen Pfarrerstochter, 2. Teil

Es gab einige Möglichkeiten sich auf den Weg nach Etzelsbach zu machen, die meisten waren mit Wandern verbunden. Für die mit den Namen von Heiligen benannten Fuß – und Fahrradwege wurden zum Teil extra Wege und Straßen gebaut oder vorhandene Strecken gut ausgebessert. Manche Besucher haben sich ganz bewusst Zeit genommen für das Pilgern und sind z.B. von Duderstadt aus gelaufen, was immerhin 15 km sind. Sie haben unterwegs Fahnen und Fähnchen geschwenkt, sicher das eine oder andere Gebet gesprochen und mit verschiedenerlei Trageelementen auf das große Ereignis aufmerksam gemacht. Der Kreativität sind keine Grenzen gesetzt. Besonders schön finde ich ein etwa ein Meter großes Kreuz, dass ganz und gar aus verschiedenfarbigen echten Rosen zusammengesetzt ist. Etzelsbach ist ja ein Marienwallfahrtsort und die Rose ist ein Symbol für Maria. Die Gruppe, die dieses wunderschöne Kreuz trägt, kommt aus Hildesheim.

Viele der Pilger laufen die 2,5 – 5 km lange Strecke von der Autobahn A 38, die nah an Etzelsbach vorbeiführt. Zwischen dem 23.September 0 Uhr und dem 24.September 8 Uhr ist die Autobahn für den normalen Verkehr gesperrt, mehr als 800 Reisebusse parken dort. Die Landstraßen rund um Steinbach sind ab 0 Uhr ebenfalls gesperrt. Die Anreise per Bahn ist über die etwa 4,5 km entfernte Bahnstation Wingerode möglich. Auch wird ein Buspendelverkehr von den Eichsfeldwerken eingerichtet, der in den allermeisten Fällen wiederum ein paar Kilometer vor Etzelsbach endet. Das befürchtete Verkehrschaos bleibt aus.

Zwei Polizisten reiten auf eleganten Pferden vorbei und erinnern mich unwillkürlich an die alljährlich stattfindende Pferdewallfahrt in Etzelsbach, wo viele Pilger hoch zu Ross ankommen – dies ist heute nur den Polizisten gestattet.

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Hoch zu Roß - die Polizei auf Streife

Wir erreichen den ersten Kontrollpunkt am Pilgerfeld und zeigen unsere Ausweise. Abgetastet wird von uns niemand. Die anderen Pilger werden stichprobenweise auf verdächtige Gegenstände hin untersucht. Nah an der Bühne sind die Kontrollen schärfer.

Immer wieder kommen wir auch an Versorgungsstationen vorbei, wo unbegrenzt Wasser in Tetrapacks und Müsliriegel abgegeben werden.

Auf dem Feld ist eine heitere, erwartungsfrohe Atmosphäre. Das Vorprogramm hat begonnen. Fröhliche Musik klingt von der Bühne zu uns herüber.

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Buntes Treiben auf dem Pilgerfeld

Ich finde meine Gastgeber wieder und wir schlängeln uns durch die Menschenmassen hindurch zu dem Bereich, für den wir eine Berechtigung haben. Den Steinbacher Bürgern und mir als Gast ebenfalls wurde das Symbol des Dreiecks zugeordnet, was uns ermöglicht ziemlich weit vorn auf dem Pilgerfeld zu sein.

Nachdem wir nun den letzten Kontrollpunkt hinter uns gelassen haben, können wir es uns in unserem Block auf unseren Klappstühlen gemütlich machen. Ich staune über die alten Eltern meiner Gastgeberin, die bereit sind hier nun viele Stunden auszuharren, nur um den Papst für kurze Zeit zu sehen. Die Dixi –Toilettenhäuschen stehen zwar in unmittelbarer Nähe, aber sie sind wegen der unübersichtlichen Menschenmassen nicht leicht zu erreichen.

Ich selbst mache mich noch einmal auf den Weg zu den Marktständen am Ende des Pilgerfeldes.

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Marktstand auf dem Pilgerfeld

Dort kann man neben Thüringer Bratwürsten und Kaffee auch Postkarten mit Papstbriefmarken und einem extra auf den heutigen Tag datierten Poststempel zum Papstbesuch in Etzelsbach erhalten. Auf dem Rückweg gelingt es mir nur durch hartnäckiges Beharren in meinen Block zurückzukehren, denn eigentlich ist der Bereich gegen 15 Uhr schon abgesperrt.

 

In den nächsten drei Stunden widmen wir uns nun konzentrierter dem gut durchdachten, vielfältigen Programm auf der Kulturbühne. Das kirchliche Leben im Eichsfeld wird anhand von Initiativen, kirchlichen Häusern und Wallfahrtsorten vorgestellt, verschiedene Chöre und Musikgruppen treten auf und die Steinbacher führen ihre historischen Trachten vor. Anhand von kleinen Sketchen werden zwischendurch spielerisch Sicherheitsregeln an die dicht gedrängte Menschenmasse weitergegeben. Außer ein paar Herz/Kreislaufschwächeanfällen wird es an diesem Tag hier auf dem Pilgerfeld mit seinen 90.000 Besuchern keine weiteren Vorkommnisse geben.

Gegen 17 Uhr hält der Kardinal Meißner eine kleine Rede, die im Programmheft als „Geistliche Einstimmung auf die Vesper mit Papst Benedikt XVI.“ benannt wurde. Er spricht über die Herkunft des Gnadenbildes und versucht die Geschichten, die im Dorf darüber erzählt werden, zu deuten. Er könne sich vorstellen, dass die hölzerne Pieta, die ja kein Kunstwerk sei, aber für die Menschen im Dorfe und darüber hinaus als Gnadenbild bedeutend, dass diese Figur in einem Acker gefunden wurde, damals zu Beginn der Gegenreformation. In der Reformationszeit fand eine schlimme Bilderstürmerei statt, der viele kostbare Kirchenschätze zum Opfer gefallen seien. Die Menschen haben daher ihre Schätze im Acker versteckt. Manche der Kostbarkeiten hätten sehr lange in der Erde gelegen, so dass man sich bei deren Auffindung nicht mehr an die früheren Besitzer erinnern konnte.

Nachdem er dem Gnadenbild durch seine Erläuterungen etwas von seinem mystisch anmutendem Zauber des gleichsam „vom Himmel gefallen seins“ genommen hat, füllt er die frei werdende Leerstelle gleich mit theologischen Erläuterungen: Die Bilder der Heiligen wären wichtig, damit wir in der Gemeinschaft der Heiligen hier schon leben können. Das Gnadenbild sei hilfreich für die Heilung von Leib und Seele. Er liebe es mehr, als die Madonna von Rom. Dann spricht er von der horizontalen Weltenlinie (Passion und Auferstehung Christi) und der vertikalen Gotteslinie (Muttergottes) und das diese beiden aus dem Minus der Welt das Plus Gottes ausmachen würden. Das klingt ein bisschen wie eine Mathematikaufgabe. Er wird zum Glück noch konkreter, wenn er sagt:

Dann finden wir in ihrem Gnadenbild, wenn uns der Schmerz drückt, bei ihr Verständnis. Es ist die schmerzhafte Muttergottes, die mitleidet, die Sympathie hat mit dem Herrn und mit den Menschen. Aber auch, wenn unser Herz vor Freude höher schlägt, wenn wir in österlicher Stimmung sind, da sind wir bei ihr auch zu Hause.“

Am Schluss seiner Rede sagt er noch, dass es ihn freut „Petrus, der das Amt der Kirche repräsentiert und Maria, die das Charisma, das Herz in der Kirche repräsentiert“ hier gemeinsam zu sehen.

Dem Heiligen Vater gab er übrigens auf seine Reise folgende Botschaft mit: „Hier in Etzelsbach kann Deine katholische Seele tief durchatmen.“

Nach der Rede von Kardinal Meißner stimmt der Chor ein frisch klingendes „Und meine Seele singt Dir Gott“ an und während dieses Liedes wird das Original der Gottesmutter durch vier Ministrantinnen mittels eines Holzgestells auf die Bühne getragen.

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Das Gnadenbild wird auf die Bühne getragen. Foto: P. Anhalt

Seit Generationen tragen ausschließlich als „Jungfrauen“ bezeichnete junge Frauen solche Marienstatuen bei Prozessionen oder ähnlichem herum. Sie wird auf einen Sockel unter ein riesiges Wandvlies gestellt, auf dem das Gnadenbild großformatig dargestellt ist, wahrscheinlich, damit man es auch in den letzten Reihen noch erahnen kann. Es erscheint aber auch immer wieder durch Kameras in verschieden Positionen herangezoomt auf den vier auf dem Platz aufgestellten Übertragungsleinwänden. Außerdem wurde für diese Vesper noch eine Replik angefertigt, um das Original zeitweise ersetzen zu können, wenn nötig. Diese Vervielfachung der Skulptur entspricht sicherlich unserem Zeitgeist, könnte aber auch den Blick auf das Original verstellen. Das Gnadenbild hat, auch in schweren Zeiten „inneren Frieden“ gegeben, wie der Papst in seiner Rede anschließend ausdrückte. Es hatte seinen Platz als kleine, unspektakuläre Statue in der stillen, geschichtsträchtigen Wallfahrtskapelle. Es wäre von zeichenhafter Bedeutung gewesen, wenn der Papst wie all die vergangenen und gegenwärtigen Generationen von Menschen dem Gnadenbild in der Kapelle einen Besuch abgestattet hätte. Meinetwegen mit Kamerateam. Warum musste stattdessen das ehrwürdige Gnadenbild umständlich ausgebaut und zum Papst hingetragen werden?

Es geht auf 17.30 Uhr zu – der Papst hat ein bisschen Verspätung. Zunächst erscheinen 5 Hubschrauber am Himmel, in denen sich aber nur die eingeladenen Politiker und hohe katholische Würdenträger befinden. In einem sechsten, blauen Hubschrauber sitzt der Papst und winkt durchs Fenster. Die Glocken werden geläutet und die Menschen winken und jubeln.

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Eine Jugendgruppe aus Heiligenstadt

Gegen 18 Uhr wird er eine Marianische Vesper halten. Im offiziellen Programmheft heißt es dazu:

Die Vesper (lat.Abend) ist das Abendgebet der Kirche und wird nach Abschluss der Arbeit des Tages gebetet. Sie ist einer der wichtigsten Teile des über den Tag verteilten Stundengebetes der Kirche und wird traditionell um 18 Uhr gebetet.“

Es ist geplant, dass der Papst während dieser nach festgelegten Wortlaut stattfindenden Feier eine etwa fünfzehnminütige Ansprache hält. Alle sind gespannt. Außerdem soll er das für Papst Johannes Paul II. geschaffene Bronzerelief  segnen, sowie zwei vor der Etzelbachkapelle aufgestellte und liebevoll geschmückte neue Glocken, die für Duderstadt und Reinholterode bestimmt sind.

Nachdem der Papst mit seinem Papamobil durch die Menge gefahren ist, läuten die Glocken der kleinen Wallfahrtskapelle. Ihr Klang ist bescheiden und gerade deshalb so wohltuend. Als wolle sie zu Ruhe und Einkehr mahnen. Daran ist auf dem großen Platz aber nicht zu denken. Die Menschen sind aufgeregt. Sie wollen den Papst sehen. Leider wollen sich viele von ihnen auch gern selbst auf den Übertragungsleinwänden sehen und schenken daher den Kameraleuten einige Aufmerksamkeit. Sobald eine Kamera dann in ihre Richtung geschwenkt wird, fangen sie heftig an zu winken und sich mit Fähnchen, Fahnen und Transparenten in Stellung zu bringen, egal ob gerade gebetet wird oder nicht. So hat die Medienwirksamkeit, mit der die Bilder der strahlenden, glücklich winkenden Menschen des Eichsfeldes in alle Welt übertragen werden, einen hohen Preis.

Später, als ich mir in meinem Zimmer die aufgenommene Live-Übertragung der Vesper von Etzelsbach anschaue, bin ich überrascht, wie viele Details mir von der Vesper auf meinem Platz (Block C, Dreieck) in der Menge entgangen sind. Neben der allgemeinen Unruhe lag es auch daran, dass sich mir die leibhaftigen Menschen auf der Bühne wie kleine Streichholzfiguren darstellten, was für die Augen ermüdend war. Ich war angewiesen auf die alles auf den Übertragungsleinwänden einfangen wollenden, ständig wechselnden Kamerabilder, die überdies von meinem Platz aus nur teilweise zu sehen waren.

 

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Distanz zum Papst - der Abstand zur Bühne war sehr groß

Ungünstig war auch, dass die Stellfläche für die normale Bevölkerung aus Sicherheitsgründen erst circa 50 Meter von der Altarbühne entfernt begann. Die Freifläche war durch Rindenmulch markiert, nur unterbrochen von zwei etwa 20 Meter von der Bühne entfernten Sitzreihen, die links und rechts eines angelegten Ganges standen. Auf den dort bereitgestellten Stühlen saßen Politiker und geistliche Würdenträger. „Die waren da sehr einsam“, sagte mir ein Pilger und er fügte hinzu, dass in der Nähe der Bühne die Kinder und Jugendlichen hätten sein müssen. Stattdessen wären diese kaum zu sehen gewesen und selbst die vielen jungen MinistrantInnen waren mit Ausnahme von zwei auf den Treppenstufen stehenden Jugendlichen, hinter ihren relativ weit hinten stehenden Absperrgittern kaum wahrnehmbar. Bei normalen Messen und Wallfahrten stünden die jungen Leute vorn am Altar.

 

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Auffliegende Tauben

Ein besonders schöner Anblick und für alle gut sichtbar sind die vielen weißen Tauben, die auffliegen und am Altar vorbei hinauf in den hohen Himmel flattern, als der Papst unterhalb der Altarbühne ankommt. Gestützt von helfenden Händen ersteigt er die Treppenstufen zum Altar. Seine Kleidung und seine Mitra leuchten golden und farbig wie in einem Märchen.

 

Nach ersten Gesängen und Gebeten und einem Grußwort von Bischof Joachim Wanke werden dem Papst vier Geschenke überreicht. Eine Familie, symbolisch als die Keimzelle des christlichen Glaubens geltend, wie sie gerade im Eichsfeld noch sehr gepflegt wird, weist auf die vier über dem Altarbereich hängenden Fahnen mit den Themen Mut zum Zeugnis, Seelsorge, Barmherzigkeit und Güte, Himmel und Zukunft hin.

Durch einige Menschen, die das zweite Geschenk überreichen, wird die religiöse Offenheit, mit der Eichsfelder in ökumenischen Initiativen Brücken bauen zu Andersgläubigen, gewürdigt. Sie überreichen ein aus Grenzzaun gefertigtes Kreuz, was „Zeichen der Hoffnung, Einheit mit Gott und untereinander“ symbolisieren soll. Die auf der Bühne stehenden Mitglieder der Gemeinden Siemerode und Weißenborn wurden ausgewählt, weil dort seit 20 Jahren evangelische und katholische Christen gemeinsam am 3.Oktober einen ökumenischen Gottesdienst feiern. Auch das Brücken bauen zwischen Ost und West bleibt weiterhin Aufgabe und Chance im Eichsfeld.

Behinderte und Betreuer aus dem Heiligenstädter Raphaelsheim überreichen, stehend für die karitative Arbeit im Eichsfeld, das dritte Geschenk: eine Schale mit Symbolen für Glaube, Hoffnung und Liebe.

Als vierte Gruppe treten 7 Jugendliche aus dem Bistum Erfurt auf. Da sie schon auf dem Weltjugendtag in Madrid waren, tragen sie T-Shirts mit der Aufschrift: „Benedikt, wir sehen uns zweimal!“, ein Text, der einem kleinen Flirt mit dem Papst ähnelt. Sie überreichen dem Papst ein selbst geschriebenes Buch, das den Titel „Kirchenträume“ trägt, und in welchen sie festgehalten haben, was für sie Kirche bedeutet und was sie sich für die Zukunft wünschen. Das ihnen mehr Verantwortung für die Kirche zugetraut wird, ist einer der Wünsche.

Diese jungen Menschen stehen für die Lebendigkeit einer sich wandeln wollenden Kirche im Eichsfeld.

Nach weiteren Gesängen tritt der Chronist des Dorfes, Peter Anhalt, an das Rednerpult und trägt die Textstelle aus der Bibel Römer 8, Vers 28 – 30 vor. Das ist für mich ein Höhepunkt, denn er ist nicht nur Einheimischer, sondern hat sich im Vorfeld viele Gedanken um den Papstbesuch gemacht und diesen aktiv mit vorbereitet. Die vier aus Steinbach gebürtigen Priester und der Dorfpfarrer haben meines Erachtens nicht so prominente Rollen während der Vesper. Sie sitzen vom Publikum aus gesehen ganz rechts auf der Bühne, ganz nah am Gnadenbild.

 

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Andreas Anhalt, Pfr. in Sonneberg, * 1961, Karl-Josef Meyer, Dominiknaer, Pfr. in Arenshausen, * 1955 Franz-Josef Wiederhold, Pfr. in St. Ägidien; Heiligenstadt, *1948, Klemens Nodewald, Redemptorist, *1941 (v.l.n.r.) Foto: P. Anhalt

 

Das Motto der Vorbereitungsgruppe für diese Vesper hieß. „Mit dem Himmel beschenkt“ – der irdische Himmel gibt sich alle Mühe mitzuhalten mit dem, der im Motto gemeint ist. Strahlend blauer Himmel und wechselnde Wolkenformationen, sowie malerische Himmelsverfärbungen  durch die Abendsonne bieten ein Naturschauspiel, das das Geschehen auf der Bühne festlich unterstreicht.

In seiner Rede erzählt der Papst, dass er schon viel vom Eichsfeld gehört habe und nun neugierig auf eigene Erfahrungen mit diesem Landstrich sei. Dann sagt er den inzwischen von etlichen Zeitungen zitierten Satz:

In zwei gottlosen Diktaturen, die es darauf anlegten, den Menschen ihren angestammten Glauben zu nehmen, waren sich die Eichsfelder gewiss, hier am Gnadenort Etzelsbach eine offene Tür und eine Stätte inneren Friedens zu finden.“

Mit diesem einen Satz wollte der Papst Benedikt XVI. sicher auf die historische Situation eingehen, die das Eichsfeld in den letzten rund 80 Jahren prägte. Ich fühle mich jedoch wie erschlagen von diesem Satz. Zum einen finde ich es problematisch die DDR-Zeit mit der Nazizeit gleichzusetzen. Die Verantwortlichen des einen Systems haben den Zweiten Weltkrieg angezettelt und circa 60 Millionen Menschen auf dem Gewissen. Die Verantwortlichen des anderen Systems haben nicht die Welt in Brand gesetzt. Es hat durch Tötungsdelikte an der innerdeutschen Grenze und im eigenen Land zwar Mord, aber keinen organisierten Massenmord gegeben.

Wenn ich davon ausgehe, dass „die gottlosen Diktaturen“ keine abstrakten Mächte waren, denen die Menschen nur ausgeliefert waren, sondern dass es Systeme waren, die aus allen darin lebenden Menschen bestanden, so waren sie keinesfalls „gottlos“. Wobei ganz klar zu sagen ist, dass die Mitschuld am Funktionieren der NS-Zeit, welche Vertreter der evangelischen wie der katholischen Kirche nach Kriegsende bekannten, erheblich schwerer wiegt als manch ein begangener Opportunismus in der DDR. Christen aus Westdeutschland haben uns Christen aus der DDR oft wegen unsere lebendigen Kirchen beneidet, die möglich waren, weil der Staat uns einen großen Freiraum gelassen hat. Natürlich konnte es sein, dass dafür Diskriminierungen und Benachteiligungen eingesteckt werden mussten. Es gibt dennoch viele Menschen, die darum ringen, Werte aus dem christlichen Miteinander und vor allem auch die damals erlebte Lebendigkeit und das politische Engagement Einzelner in die neue Gesellschaftsordnung zu übertragen.

Bleibt die Frage: Welchen Nutzen bringt es mir die Vergangenheit detaillierter zu betrachten als der Papst es mit einen einzigen, mich erschlagenden Satz gemacht hat? Es zeigt mir, welchen politischen Einfluss die Kirchen als Machtträger im staatlichen System von jeher gehabt haben. Und deshalb sollten Vertreter der Kirchen nicht alte Fehler wiederholen, sondern die Botschaften des Evangeliums ernst nehmend, Stellung beziehen zu den drängenden Problemen unserer gegenwärtigen Zeit!

Am Schluss seiner Ansprache ging Benedikt der XVI. noch auf das bewusste Leben der einzelnen Christen in der Nachfolge Christi ein, wenn er sagte:

Dort haben die kleinen Dinge des Alltags ihren Sinn, und dort finden die großen Probleme ihre Lösung“.

Mit diesen Sätzen ließ er aber dann leider die versammelten Gläubigen allein. Schade, dass er den zweiten Teilsatz nicht noch konkret ausgeführt hat. Das hätte mich und andere wirklich interessiert.

Die Redezeit des Papstes und überhaupt sein Aufenthalt von circa 75 Minuten in Etzelsbach vergingen sehr schnell. Er hat der Wallfahrtskirche noch einen Rosenkranz zur Erinnerung an seinen Besuch geschenkt und segnete uns alle, die wir auf dem Platze standen mit der Monstranz, die für die Katholiken Christus heilige Gegenwart in der Eucharistie verkörpert.

Die für ihn hingestellten Glocken konnte er nur flüchtig aus seinem Papamobil heraus im Vorbeifahren segnen. Auch hatte er keine Zeit der Wallfahrtskapelle einen Besuch abzustatten. Der Zeitplan musste wohl eingehalten werden.

 

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Picknick am Abend direkt nach dem Papstbesuch

Mit seinem Abflug beginnt für uns auf dem Platze gegen 19.30 Uhr die Zeit nach dem Papstbesuch. Viele strömen vom immer dunkler werdenden Platz. Sie haben zum Teil noch lange Pilgerwege vor sich. Andere warten auf das Nachprogramm, dass noch bis 22 Uhr stattfinden soll. Für unsere kleine Truppe, zu der ich gehöre, heißt es mit leckeren Broten, Paprika und Äpfeln zu picknicken, so wie es Brauch ist nach den großen Wallfahrten in Etzelsbach.

Bei der Messe am Morgen dieses ehrwürdigen 23.9. 2011 in Steinbach hat der Pfarrer Wiederhold noch folgendes gesagt:

Bei all dem haben es viele schwer, im Papst den einfachen, schlichten Fischer aus Galiläa zu erkennen. Manches wird sich im Erscheinungsbild ändern und dennoch wird das Petrusamt bleiben, wie Christus es gestiftet hat. Unser Respekt und die Verehrung für den Papst muss deshalb frei sein von allem Personenkult. Wir ehren unseren Papst, weil wir den lieben, dessen Schafe er weidet, weil wir den mögen, dessen Stelle er vertritt: Christus, unseren Herrn.“

Und eine Frau aus dem Dorf sagt „Etzelsbach bleibt Etzelsbach, mit oder ohne Papst“.

Annette Rehfus, 29.09.2011  (Überarbeitung 5.10.2011)

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