Leseprobe – Zusammenfassung der Erkenntnisse

In dieser Arbeit habe ich die Konstanten und Veränderungen des Ritualsystems der Gnadenbildverehrung untersucht, welche die Bedeutung des Gnadenbildes und der Pferde als soziale und kulturelle dynamische Systeme (Turner 1989: 31) in formale Handlungen umsetzt.

Während das Symbol der Pferde als instrumentales Symbol innerhalb der Gnadenbildverehrung neben vorchristlich geprägten Resten von Bedeutungszuweisungen vor allem in seiner auf das Gnadenbild hinweisenden Bedeutung gleich geblieben ist, sonst aber einem rapiden Bedeutungswandel unterlegen war und ist, ist das dominante Symbol des Gnadenbildes in seiner Bedeutung relativ konstant.

Die Bedeutung des Symbols des Gnadenbildes innerhalb der Gnadenbildverehrung ist abhängig vom ideological pole, der aus ethischen und juristischen Normen besteht und beeinflußt wird vom soziokulturellen und historischen Kontext des Ritualsystems. Dabei wird der ideological pole der Marienverehrung und dessen Skript der Mariologie und der Gemeinschaft der Heiligen durch die Gnadenbildverehrung und dessen aus Teilen der katholischen Theologie und regionalen Glaubensgewißheiten bestehenden Skript erweitert,  und den regionalen Bedürfnissen gerecht werdend, verändert.

Die regionalen Bedürfnisse, die geprägt sind von einem Jahrhundertealten katholischen Milieu in einer Enklave, und in einem starken Gemeinschaftsgefühl und regionalem Bewußtsein von katholisch sein bestehen, finden ihren Ausdruck im Symbol des Gnadenbildes. Im Gnadenbild tritt Maria der katholischen Theologie, die eine Vermittlerrolle in der Gemeinschaft der Heiligen und damit zwischen Lebenden und Toten spielt, als Schutzpatronin des Eichsfeldes auf, die vor Häresien schützt und die als belebte Statue am Rande des eigenen Dorfes auftaucht, und genau dort auch ihren Platz haben will.

In Ritualen, die sowohl die Familien- und Verwandtschaftsstrukturen als auch das regionale Bewußtsein eines katholischen Milieus im Eichsfeld stärken, werden die regional geprägten Bedürfnisse in Handlungen umgesetzt.

Die Rituale sind in den Regeln ihrer Durchführung und in ihrer zugesprochenen Wirksamkeit und der von der Gemeinschaft geteilten oder nicht geteilten Bedeutungszuweisung abhängig vom soziokulturellen und historischen Kontext. Dieser Kontext besteht nicht nur in der regionalen Geschichte, in welcher der Zusammenhalt im katholischen Milieu nicht zuletzt durch die Diktatur der DDR gestärkt wurde, sondern auch im vergangenen Gesellschaftssystem der DDR selbst, und dem gesellschaftlichen Umbruch 1989/90, der heute noch als sozikulturelle Krise die Menschen im Eichsfeld verunsichert.

In dieser Arbeit habe ich heraus gestellt, daß es in Etzelsbach immer noch rituelle Liminalität auf Grund eines Handlungsbedarfes in Folge des gesellschaftlichen Umbruchs gibt. Die Gnadenbildverehrung, deren Rituale ihre liminale Funktion innerhalb der vom Sozialismus geprägten soziokulturellen Strukturen auch in einer nachindustriellen Gesellschaft erhalten haben, geben anhand dieser immer noch vorhandenen Strukturen den Menschen die Möglichkeit, an Werten aus der DDR-Zeit festzuhalten und diese in Ritualen auszuleben. Diese Werte der DDR-Zeit werden als Antistruktur zur neuen Gesellschaft erlebt. Die Werte der neuen Gesellschaftsform und die Werte der vergangenen Gesellschaftsform werden in ritueller Liminalität benannt und auf ihre Tragfähigkeit hin für Katholiken im Eichsfeld ausgehandelt.

Allerdings wird dieser Gnadenort für viele, die entweder die regionalen Glaubensgewißheiten nicht teilen und/oder den gesellschaftlichen Strukturwandel nicht bewußt wahrgenommen und daher auch keinen liminalen Handlungsbedarf haben, zu einer Plattform liminoider Möglichkeiten. Diese Plattform erhält ihre gesellschaftliche Akzeptanz als sozialer Knotenpunkt aus ihrer  milieubedingten, historisch gewachsenen liminalen Funktion.

aus: Annette Rehfus (geb. Hoffmann):
Das Gnadenbild und die Pferde von Etzelsbach
Eine ethnologische Studie zur Wallfahrtsforschung am Beispiel des Obereichsfelds

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