Leseprobe – Erste Begegnungen

Meine erste bewußte Begegnung mit Menschen aus dem Eichsfeld fand im Sommer 1997 statt, als ich zusammen mit 7 anderen Studierenden für einen Monat in das eichsfelderische Martinfeld zog, um dort  ein Feldforschungspraktikum zu absolvieren. Ich arbeitete in der Reithalle des Reit- und Freizeitvereins Westerwald e.V.[1] und hatte Gelegenheit zu vielen Gesprächen mit Menschen verschiedener Generationen. Nach etwa einer Woche wurde ich spontan eingeladen, an der nahenden Pferdewallfahrt von Etzelsbach teilzunehmen. Eine Gruppe von etwa 15 Leuten wollte mit Pferden in das immerhin etwa 30 km entfernte Etzelsbach reiten. Andere Mitglieder wollten in Autos folgen und am Rande von  Westhausen, einem Dorf etwa 5 km von Etzelsbach entfernt, sollten sich beide Gruppen treffen, und die Nacht vor der Wallfahrt sollte gezeltet werden. Ich sagte natürlich zu und erlebte ein äußerst spannendes Wochenende, an dem mir zwei Dinge sehr deutlich wurden, die sich auch nach dem Wochenende bestätigten und auch an Eichsfeldern, die nicht diesem Verein angehörten: Ich erkannte zum einen die tiefe religiöse Verwurzelung der Vereinsmitglieder, auch wenn viele sich nach außen hin als unreligiös[2] darstellten. Und zum anderen erlebte ich ein unglaublich starkes Gemeinschaftsgefühl über Generationen hinweg, das als soziales Netz funktionierte, auch unabhängig vom Reitsport[3].

Nach dem Wallfahrtswochenende war ich so fasziniert von dem kirchlichen Ritual, daß ich mich mehr damit beschäftigen wollte. Ich führte ein Interview mit dem Dorfchronisten von Steinbach, besuchte in den folgenden Jahren die Pferdewallfahrt und sporadisch auch andere Wallfahrten in Etzelsbach, und kam im Sommer 1999 für dreizehn Tage nach Steinbach, um sowohl die Vorbereitungen, als auch die Pferdewallfahrt selbst hautnah mit zu erleben. Auch danach war ich immer wieder in Steinbach, um für meine Magisterarbeit zu recherchieren. Die erste Begegnung einschließend, stammen meine Daten und Beobachtungen aus dem Zeitraum 1997 bis 2001.

aus: Annette Rehfus (geb. Hoffmann):
Das Gnadenbild und die Pferde von Etzelsbach
Eine ethnologische Studie zur Wallfahrtsforschung am Beispiel des Obereichsfelds

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[1] Die Mitglieder dieses Vereins stammten aus verschiedenen Orten der Region.

[2] Die Werteskala Religiosität hängt natürlich ab von der Definierung dieses Phänomens. In einem Gebiet, in dem es als normal erachtet wird, mindestens einmal in der Woche die Messe zu besuchen, kann sich jemand, der dies nicht einhalten kann, leicht außerhalb des Kodex fühlen und definieren.

[3] Es gab im Reitverein viele Mitglieder, die gar nicht selber reiten konnten oder durften, aber trotzdem sehr aktiv am Vereinsleben teilnahmen (vgl. mein Feldforschungsbericht Studien zur kulturellen Bedeutung des Reit- und Freizeitvereins Westerwald e.V. mit besonderer Berücksichtigung der Bedeutung des Pferdes).

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