Leseprobe – Die Teilung des Eichsfeldes und die Herausbildung eines katholischen Milieus

Die Grenzen des Territoriums des heutigen Eichsfeldes gehen auf Käufe und Verpfändungen   des Erzbischofs von Mainz zurück, der auf diese Weise im 13. und in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts die Besitzrechte über die am Nord-Westrand des Thüringer Beckens befindliche Hochebene erwarb.

Mitten im Kernland der Reformation liegend (Hummel 2000: 15), wird das Eichsfeld gemäß dem Prinzip des Augsburger Religionsfriedens 1555 cuis regio, eius religio[1] durch den Erzbischof von Mainz rekatholisiert. Vom 16. Jahrhundert an ist das Eichsfeld somit eine katholische Enklave.

1803 wurde das Erzbistum Mainz aufgrund französischer Eroberungen aufgelöst. Das Eichsfeld gehört eine kurze Zeit zu Preußen, dann zum Königreich Westphalen und wird 1815 schließlich wieder Preußen zugesprochen. Da Preußen und das Königreich Hannover jedoch einige regionale Streitigkeiten beheben mußten, gab Preußen 1816 einen Teil des Eichsfeldes an das Königreich Hannover ab. Die Grenzziehung orientiert sich, von einigen Ausnahmen abgesehen[2] an der Sprachgrenze, an der die niederdeutsche Sprache auf die mitteldeutsch-thüringischen Dialekte stößt. Das Eichsfeld erfährt damals eine bis heute bestehende verwaltungspolitische Trennung in Ober- und Untereichsfeld[3], und die damals verhandelte Grenze stimmt in etwa mit derjenigen überein, die ab 1945 das Eichsfeld der sowjetischen und britischen Besatzungszone zuteilt.

Das 19. Jahrhundert war durch die Industrielle Revolution geprägt von einer fortschreitenden Säkularisierung der Gesellschaft. Im Eichsfeld jedoch, unterstützt durch die territoriale und konfessionelle Geschlossenheit und den ländlichen Charakter der Region, mit einem über lange Zeit vorindustriell geprägten Sozialmilieu und einer starken überkommenden Voksfrömmigkeit (Hummel 2000: 19)[4], entwickelte sich ein katholisches Millieu , das auch heute noch das Leben vieler Eichsfelder prägt.

Die entwickelten regionalen Glaubensvorstellungen der Eichsfelder, die bei Hummel unausgeführt und abwertend als stark überkommene Volksfrömmigkeit erwähnt werden[5], waren und sind unter anderem gebunden an eine starke regionale Marienfrömmigkeit, die auch in der Gnadenbildverehrung an eigenen Wallfahrtsorten ihren Ausdruck fand und findet. In Kapitel 10 gehe ich näher auf diesen Aspekt der Religiosität ein.

Die innerkatholische Bewegung der sogenannten religiösen Erneuerung, welche ab Mitte des 19. Jahrhunderts auch im Eichsfeld wirksam wurde, half den Katholiken zusätzlich, dem Machtanspruch einer säkularen Staatsgewalt mit einem protestantischen Beamtentum trotzen zu können. Werte dieser Bewegung waren die Rückbesinnung auf tradierte Dogmen und Werte im katholischen Kirchenverständnis, die strikte Ausrichtung auf die Autorität des Papstes und eine wirkungsvolle Mobilisierung des Kirchenvolkes (Hummel 2000: 18). Mittel, um diese Werte durchzusetzen, waren neben regelmäßigen Volksmissionen, einer eigenen Presse, dem Aufbau von sozialen Institutionen und der Übernahme von Erziehungs- und Bildungseinrichtungen vor allem der Ausbau eines weit gefächerten Vereinswesens, wobei es sich von einzelnen Ausnahmen abgesehen zunächst um die Bildung von religiösen Organisationen und Missionsvereinen handelte (vgl. Hummel 2000: 19).

Während des sogenannten Kulturkampfes[6] bewährte sich die gewachsene Sozialstruktur des katholischen Milieus, worauf die Eichsfelder auch heute noch mit Stolz zurückblicken[7].

Bis in die zwanziger Jahre des 20. Jahrhunderts hinein durchdrang und prägte das Vereinswesen mit dem Ziel, Religiosität und Sittlichkeit zu verbreiten, immer mehr das Leben der Eichsfelder, jetzt noch genauer differenziert nach Beruf, Alter, Geschlecht und Interessen der Vereinsmitglieder (vgl Hummel 2000: 21). Auch heute noch spielen Vereine und religiöse Gemeinschaften eine bedeutende Rolle im Leben der Eichsfelder.

Das sich anhand dieser regionalen Geschichte entwickelnde katholische Milieu stellte den Versuch dar, den religiösen Sinnhorizont gegenüber den gesellschaftlichen Wandlungsprozessen zu wahren und zu verteidigen (Hummel 2000: 18). Im folgenden Kapitel werde ich  aufzeigen, daß dieses Milieu auch zur Plattform von gesellschaftlichen Wandlungsprozessen werden kann, wenn diese als dem eigenen Milieu dienlich angesehen werden.

Das katholische Milieu förderte Werte wie Heimatverbundenheit, Familiensinn, katholische Identität und regionale Glaubensvorstellungen[8]. Diese Werte wurden während der DDR-Zeit und danach zu Symbolträgern politisch-sozialer Überzeugung, wie ich im folgendem noch aufzeigen werde.

aus: Annette Rehfus (geb. Hoffmann):
Das Gnadenbild und die Pferde von Etzelsbach
Eine ethnologische Studie zur Wallfahrtsforschung am Beispiel des Obereichsfelds

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[1] Dieses Gesetz erlaubte den Landesherren und den geistlichen Fürsten, die Religionszugehörigkeit ihrer Untertanen zu bestimmen.

[2] Die Sprachgrenze verläuft etwas südlich der politisch – administrativen Grenze und schließt einige wenige Orte des Obereichsfeldes mit ein (vgl. Ebeling 1991: 31).

[3] Das Obereichsfeld gehört jetzt zu Thüringen und kirchenpolitisch zum Bistum Erfurt, während das Untereichsfeld zu Niedersachsen und kirchenpolitisch zum Bistum Hildesheim gehört.

[4] Auch noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts sind Landwirtschaft und gewerblich – industrielle Produktion von gleichrangiger Bedeutung für die Region (vgl. Hummel 2000: 17).

[5] Aus bereits genannten Gründen (vgl. Fußnote 27, S.26) möchte ich die für das Phänomen immer noch üblichen Begriffe wie Volksfrömmigkeit und Volkskirche vermeiden und durch den Begriff regionale Glaubensvorstellungen ersetzen. Gleichzeitig möchte ich auf die wissenschaftliche Anerkennung und Untersuchung der mit allen größeren Religionen einhergehenden  bzw. mit ihr im Widerspruch stehenden regional gefärbten Glaubensvorstellungen hinweisen (vgl. Berdahl 1999: 87, Badone 1990 u.a.)

[6] Der Kulturkampf ist eine seit 1873 gebrauchte Bezeichnung für die nach der Reichsgründung 1870/71 beginnende, vor allem in Preußen von Bismarck initiierte, Konfrontation zwischen Staat, Parteien und katholischer Kirche.

[7] Der aus dem Eichsfeld stammende und im Kulturkampf aktive Paderborner Bischof Konrad Martin, erhält auch während der DDR-Zeit besondere Verehrung. 1979 wurde am Klüschen-Hagis das Konrad-Martin-Kreuz eingeweiht. Darüber schreibt Josef Seitz: Wenngleich die politische Situation des Jahres 1979 nicht mit der des ‚Kulturkampfes‘ zu vergleichen war, bot sich in Konrad Martin eine Bekennergestalt an, die den auf andere Weise gedemütigten Christen in der DDR Vorbild sein konnte (Seitz 1996: 37).

[8] In dem regional als Eichsfeldhymne bezeichneten, 1902 entstandenen Lied, das bis heute viele Eichsfelder auswendig singen können und das bezeichnenderweise während der DDR-Zeit in den Schulen zu singen verboten war, werden diese Werte klar formuliert (vgl. Anhang S. 25).

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