Leseprobe – Durch ein Schlüsselerlebnis zur Wallfahrtsforschung in Etzelsbach

Die schwere Holztür quietscht, als ich zusammen mit einer Bekannten die kleine Kapelle von Etzelsbach betrete. Kühl ist es und still. Die Julisonne schimmert von draußen durch die bunten Glasfenster dieses katholischen Kirchenraumes, in welchem ich Gegenstände und Bilder vorfinde, die aus den Kirchenräumen meiner eigenen christlichen, aber evangelischen Religion verbannt wurden. Es ist nicht die erste katholische Kirche in meinem Leben, die ich von innen sehe, trotzdem ist mir vieles unverständlich, geheimnisvoll, fremd.

Ich weiß jedoch, daß ich mich hier nicht in einer normalen katholischen Kirche, sondern in einer besonderen, einer Wallfahrtskirche befinde. Ich sehe keinen Beichtstuhl und kein ewiges Licht, dafür aber vom Altarraum aus betrachtet am hinteren Ende der Kapelle ein großes hölzernes Tor, das, wie ich es bereits erlebt habe, zum Wallfahrtstag geöffnet werden kann, um den auf der Wiese stehenden Menschenmassen Einsicht zu gewähren. Vor ein paar Tagen nahm ich hier an der sogenannten Pferdewallfahrt teil. Überwiegend Männer führten die über 300 Pferde dem vor der Kirche stehenden Priester vor, der sie mit Weihwasser bespritzte. Allerdings führten auch viele Leute ihre Pferde außerhalb dieser offiziellen Zeremonie um die Kirche, und zwar dreimal …

Während ich vor meinem inneren Auge noch die geputzten und geschmückten Pferde am Priester vorbeiziehen sehe[1], fällt mein Blick auf einen Text aus der Apokalypse, einem Text aus der Bibel, der leicht verändert links und rechts des Torbogens innen an die Kirchenwand gemalt wurde.

Und ich sah ein weißes Roß. Und der darauf saß, hatte einen Bogen, ihm ward gegeben eine Krone und er zog aus als Sieger. Und ich sah ein anderes Roß, das war feuerrot und der darauf saß, nahm den Frieden von der Erde, ihm ward ein großes Schwert gegeben. Und ich sah ein schwarzes Roß und der auf demselben saß, hielt eine Waage in der Hand. Es war die Hungersnot. Und ich sah ein fahles Roß und der darauf saß, des Name hieß Tod und die Hölle folgte ihm nach (nach der geheimen Offenbarung des Johannes Kap. 9. 7,8).

In einem darüber gemalten Bild ist der Text, in den Kontext von Etzelsbach gebracht, bildlich dargestellt[2], was besonders durch die Darstellung der Pferde und durch die Einbeziehung Marias deutlich wird, die in einem blauen Umhang gehüllt flehend zu Füßen des Weltenrichters kniet. Dieser wiederum sitzt freihändig und sattelsicher auf dem dritten, sich aufbäumenden, der vier dahinrasenden Pferde. Er scheint das Flehen Marias zu erhören, denn von seiner linken Hand entspringt ein heller Strahl, Zeichen von Segen und Kraft, der etwas unterhalb der Hand die Form eines Sternes annimmt[3], als Strahl weiterläuft und im Heiligenschein der Maria endet. Gleich darunter steht der Text: Vor Pest, Hunger und Krieg bewahre uns Herr.[4]

Noch ist mir vieles rätselhaft. Es ist ein Marienwallfahrtsort, soviel weiß ich. Und ein Ort, an dem Pferde gesegnet werden. Meine Bekannte und ich überlegen noch, ob die auf den Glasfenstern des Altarraums gemalten Schutzheiligen der Tiere, Wendelin und Hubertus, auch besondere Schutzheilige gerade für Pferde sind, da wird die Türe geöffnet und ein älteres Ehepaar kommt herein.

Den weiteren Kirchenraum nicht groß beachtend, steuern sie zielsicher auf den rechten der beiden marianischen Seitenaltäre zu. Die Frau setzt sich auf die der Marienstatue am nächsten stehende Kirchenbank und ihr Mann beginnt sofort mit einem Messer den brennenden Kerzenstock (eine Art kleiner Tisch zum Abbrennen von Kerzen) von zerflossenem und erhärtetem Wachs zu reinigen. Ich nehme allen Mut zusammen, trete zu ihm und frage ihn leise, ob er vielleicht der Küster sei, was er lachend verneint. Da mischt sich die Frau ein und fragt mich, auf die Marienstatue deutend, ob ich denn etwas von der Wunderkraft der Gottesmutter wissen würde. Ich verneine und sie sagt: Sie wischen die Gottesmutter mit einem Taschentuch ab. Wenn Sie einen Abzeß oder eine andere Krankheit haben, dann legen Sie das Taschentuch drauf und es wird geheilt. Auf meine Nachfrage hin, ob sie selbst  daran glaube, antwortet sie bestimmt: Ich bin überzeugt davon. [5]

Ihr Mann hatte in der Zwischenzeit die Kapelle verlassen und steht nun mit einem mittelgroßen Hund in der Tür. Die Frau fordert ihren Mann auf, er solle doch die Leine los machen. Dann führt sie das Tier genau vor die Marienstatue. Ich schaue einen Moment weg, als ich wieder zum Hund sehe, hat er eine Postkarte von der Marienstatue im Maul. Sollte er auf diese Weise in Berührung mit der Verehrten kommen? (Tgb. 1997)

Diesen Besuch meiner Bekannten und mir in der Wallfahrtskirche von Etzelsbach bezeichne ich als Schlüsselerlebnis, da mir dort innerhalb von kurzer Zeit bewußt wurde, wie fremd und unbekannt mir die katholische Kirche war und daß ich mich an einem Ort befand, an dem sowohl katholischer Glaube als auch bäuerliche Traditionen zusammen trafen, einander befruchteten, aber auch nebeneinander her existierten. Besonders faszinierte mich, wie die Ausgestaltung der Kapelle mit dem Geschehen vor Ort korrespondierte. Mir wurde deutlich, daß an diesem Ort Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft (z.B. im Wunsch nach Gebetserhörung) dicht beieinander liegend bzw. ineinander übergehend erfahren wurden und daß dabei den Pferden, Maria und dem Gnadenbild besondere Bedeutung zukamen. Die Kraft, die an einem Ort erlebt werden kann, an dem die Zeit als aufgehoben und Werte in ihrer zeitlosen Gültigkeit empfunden werden, und das Bedürfnis, diese Kraft auf das eigene, vergängliche Leben zu übertragen, an dessen Begrenztheit wir ja besonders in Zeiten der Krankheit erinnert werden, beschreibt Edith Turner in dem Vorwort zur Paperback Ausgabe von Image and Pilgrimage in Christian Culture, die sie zusammen mit ihrem Mann Victor Turner herausgegeben hat[6], folgendermaßen:

The search for illud tempus is not a search for a fusty, dead past, or nostalgia: in pilgrimage it is a journey to the actual place containing the actual objects of the past, whose very stones seem to emit the never – obliterated power of the first event – a certain shadowy aura. Pilgrims almost invariably touch the sacred object and then touch themselves (Turner 1978: XV).

Im darauffolgendem Jahr nahm ich wieder an der Pferdewallfahrt teil und als ein Jahr später der Termin dieser besonderen Wallfahrt nahte, beschloß ich in Abstimmung mit Frau Prof. Hauser-Schäublin einen dreizehntägigen stationären Feldaufenthalt vor Ort durchzuführen und meine Magisterarbeit über Etzelsbach zu schreiben. Es folgten viele weitere Aufenthalte am Forschungsort.

aus: Annette Rehfus (geb. Hoffmann):
Das Gnadenbild und die Pferde von Etzelsbach
Eine ethnologische Studie zur Wallfahrtsforschung am Beispiel des Obereichsfelds

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[1] vgl. Fotos im Anhang, Blatt 8 und 9

[2] vgl. Fotos im Anhang, S. 1. Der ehemalige Pfarrer von Steinbach, Oswald Kullmann, hatte 1924 gezielt nach einem Künstler gesucht und ihn dann in dem aus Süddeutschland stammenden Willy Jakob gefunden, der nicht nur bereit sein würde, die Apokalyptischen Reiter zu malen, sondern auch die im biblischen Text nicht vorkommende Gottesmutter Maria vor dem Weltenrichter kniend und um Errettung von den Weltschrecken bittend im Bild mit darzustellen. 1925 wurde das Freskogemälde an der Westwand der Kapelle fertiggestellt (vgl. Anhalt 1999: 313). Nach Peter Anhalt verarbeitet der Künstler in  dem Bild die Schrecken des Ersten Weltkrieges, die Jakob als Kriegsteilnehmer am eigenen Leibe verspürt hatte (Anhalt 1999: 328).

[3] Der Stern soll vermutlich an den Stern von Bethlehem erinnern, der laut biblischem Text den Weisen aus dem Morgenland den Weg zum neugeborenen Jesus gewiesen hat (vgl. Mt. 2,2). Da die Pferdewallfahrt zusammenfällt mit einer Wallfahrt, die anläßlich eines marianischen Ereignisses stattfindet, das mit der Geburt Jesu eng verbunden ist, nämlich Mariae Heimsuchung (vgl. Lk. 1, 39-56), könnte auch das Symbol des Sternes auf die Pferdewallfahrt verweisen.

[4] Dieser altertümlich anmutende Text stammt aus einem Teil der katholischen Liturgie, der Allerheiligenlitanei.

[5]Diese Marienstatue wird auch Gnadenbild genannt, vgl. Fotos im Anhang, S.3-5.

[6] Nachfolgend werde ich im Zusammenhang mit dem genannten Buch Platz sparend nur Victor Turner nennen, wohl wissend, daß es sich um ein Gemeinschaftswerk von ihm und seiner Frau handelt.

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